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Neue Zürcher Zeitung vom 25.04.2001 Blick auf den Bildschirm C. W. Der Titel des Fernsehfilms “Die Entscheider” von Hansjürgen Hilgert bezieht sich auf jene relativ selbständigen Beamten des deutschen Bundesamts für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, die Asylsuchende befragen, ihre Fluchtgründe ermitteln, wägen und als genügend gewichtig oder als zu leicht befinden. Sie verkörpern einen Apparat, der - den einen wohl zu langsam, anderen zu wenig einfühlsam - die vom Gesetzgeber festgelegte Politik in die Praxis umsetzt. In der Rubrik «Menschen hautnah» sollten die Individuen gezeigt werden, die diese gewiss nicht unbeschwerte Arbeit verrichten; der Inhalt der Verfahren diente eher nur als Hilfsmaterial. In dokumentarischem Stil führt der Film ausschnittweise durch fünf Befragungen. Die Asylbewerber aus Weißrussland, Sierra Leone, Indien und Iran bleiben aus guten Gründen unsichtbar, ins Bild rücken umso mehr die (im Abspann mit Namen aufgeführten) Amtspersonen wie auch die Übersetzenden. Frage um Frage geht vom Schreibtisch über die Sprachwechselstation zum Gesuchsteller, Antwort um Antwort kommt zurück und wird notiert. Schritt um Schritt werden Herkunft, Emigrationsmotive und Reiseweg rekonstruiert, Unklarheiten bereinigt, zweifelhafte Angaben getestet. Wie aufwendig diese Suche nach der Wahrheit und dem juristisch Relevanten sein kann, demonstriert selbst die fragmentierte Aufzeichnung. Sie habe bisher «nichts Halbes und nichts Ganzes» erfahren, sagt eine der Befragerinnen ihrem Gegenüber offen; als der Asylbewerber später ein Gebet aufsagen will, lehnt sie dankend ab. Besonders die sich hin und her wendenden Dolmetscherinnen - nach Herkunft näher bei der einen, nach Stellung näher bei der anderen Seite - lassen etwas von der zu überbrückenden Kluft erkennen. Vereinzelt zeigen sie sich bei einer Antwort genervt, erheitert oder mitfühlend. Die Interviews laufen im Ganzen ruhig ab. Bei den Bediensteten dominiert Korrektheit. Eine der Frauen wirkt ausgesprochen freundlich und interessiert, einer der Männer manchmal teilnahmslos. In seinem Alltag, wird dem Zuschauer bewusst, reiht sich ein solcher Fall an den anderen. Fast mechanisch diktiert er das Protokoll; aber spätestens wenn er bei der Begründung des Entscheids angestrengt Argumente und Formulierungen sucht, gewinnt er menschliche Sympathie. - Als eine Asylsuchende weinend mitteilt, sie habe ihre kleine, in Afghanistan lebende Tochter seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, weiß der Beamte nur trocken die Frage nach deren Namen nachzuschieben. Dass beim Mittagspicknick zur Belustigung erzählt wird, ein angeblich katholischer Gesuchsteller habe «bei Allah» schwören wollen, ist wiederum verständlich. Verfolgte der Filmautor eine politische Absicht? In seiner Darstellung ist weder eine rechtfertigende noch eine anklagende Tendenz auszumachen. Besonders die Grossaufnahmen der Gesichter provozieren beim Betrachter Gedanken zu den Menschen, die daraus sprechen - und gerade der Verzicht auf eine dramatisierende Raffung erzeugt Spannung. Doch bei aller Faszination dieser Physiognomie: Lässt sich wirklich ersehen, was im Innern der Personen vorgeht? Könnte das Lächeln nicht trügerisch sein? Verdeckt die kühle Distanz gar eine emotionale Auseinandersetzung? Ist eine gewisse Personalisierung der Probleme des Asylverfahrens überhaupt sinnvoll? Es trifft zu, wenn der Beamte sich dem
Asylsuchenden mit der Mitteilung vorstellt, «dass ich darüber entscheide, ob Sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht». Während die Mitarbeiter des schweizerischen Bundesamts für Flüchtlinge ihre Entscheide im Rahmen von
Weisungen ausarbeiten und vom Vorgesetzten mitunterzeichnen lassen müssen, sind die deutschen «Einzelentscheider» unabhängiger - kontrolliert von Gerichten, die allerdings auch vom Bundesbeauftragten des Innenministeriums
angerufen werden können. Und während in der Schweiz Befragung (beim Kanton) und Beurteilung (beim Bund) meistens getrennt sind, sitzt in Deutschland der Entscheider dem Gesuchsteller gegenüber und spürt die Verantwortung
sozusagen hautnah. - Die Dokumentation wird heute im Programm des Westdeutschen Rundfunks (WDR) wiederholt. (3sat, 23. April)
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Hilgert & Witsch KG
Film & Multimedia
Buch-Regie-Schnitt-Produktion
19.01.09
Sisyphus,
the filmmaker