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Süddeutsche Zeitung vom 23.04.01 Sauber machen Die Weißrussin Elena erzählt, wie sie mit Mann und Kindern drei Jahre unter den afghanischen Taliban litt, bevor sie mit ihrem Mann nach Deutschland floh. Ihr Gegenüber: Ein Entscheider vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, Außenstelle Düsseldorf. Er versteht, dass sie in Kabul als Frau völlig rechtlos war. Noch aber wird Elenas Asyl- Antrag abgelehnt. Sie könne ja in ihrer Heimat Schutz vor politischer Verfolgung suchen – im Reich des Diktators Lukaschenko. Wie geht das – die Prüfung von Lebensgefahr, die Skalierung der Unterdrückung, das Erspüren von Ehrlichkeit? Hansjürgen Hilgerts Reportage ist eine ungewöhnlich sensible und nüchterne Expedition in eine fremde Welt, ins Schattenreich zwischen Bürokratie und Betroffenheit. Fünf Entscheider waren bereit, ihre eigentlich nicht-öffentlichen Anhörungen dokumentieren zu lassen. Die Kamera zeigt ihre Gesichter und jene der Dolmetscher, fängt die Geschichten von Besorgnis, Unwillen und Ratlosigkeit in der Mimik der Beamten ein, während die Dolmetscher oft befangen wirken, weil sie sich ein bisschen wie Anwälte ihrer Landsleute fühlen. Diese selbst hört man im Hintergrund. Was die Asylbewerber in leisen, oft suchenden Worten berichten, das fügt der Film zum Bild einer unsichtbaren Welt zusammen, jenseits der bundesrepublikanischen Normalität. Ein Bauer aus Sierra Leone erzählt, wie er vor den Rebellen geflohen sei. Ein Freund habe ihn zu Leuten gebracht, die ihm helfen könnten. Da habe er zum ersten Mal Weiße gesehen und geweint, aus Angst vor Menschenhändlern. Die Entscheiderin hört zu und stellt Fragen wie ‘Haben Sie wegen des Krieges Angst, zu sterben oder gibt es noch andere Gründe, weswegen Sie Angst haben zu sterben?’ ‘Man wird so lange weglaufen, bis der Tod dich erreicht’, antwortet der Mann aus Sierra Leone. Also fragen die Beamten nach Details. Ein Inder, der sich als verfolgter Sikh beschrieb, wurde abgeschoben, weil er nicht erklären konnte, was ‘Khalestan’ sei, obwohl dieser Begriff im Unabhängigkeitskampf der Sikhs eine zentrale Rolle spiele. Menschenleben, dokumentiert mit dem ‘Textbaustein 2.01a’, dem Standard-Computervordruck der Anhörung. Hansjürgen Hilgerts Bericht ist ein präzises Arbeitsprotokoll, aber auch ein Film, der sich statt auf Kommentare auf dokumentarische Bilder verlässt. Nach den Anhörungen zeigt er, wie Frauen mit Kopftüchern die Büros sauber machen. DIETER DEUL |

Hilgert & Witsch KG
Film & Multimedia
Buch-Regie-Schnitt-Produktion
19.01.09
Sisyphus,
the filmmaker